Gemeinsames Wort der Essener Kirchen zum Umgang mit Flüchtlingen

Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe sind die wichtigsten Grundlagen für ein friedliches Zusammenleben

Sehr geehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Schwestern und Brüder,

auch in Essen beherrscht kein Thema die öffentliche Diskussion derzeit so stark wie der Umgang mit Flüchtlingen, die in unsere Stadt kommen. In vielen Begegnungen dieser Tage verbinden sich Traurigkeit und Hoffnung. Angst und Streit stehen neben Solidarität und großer Offenheit. Kritik an einzelnen Standorten und der Protest gegen das, was wir aufgeben müssen und hinnehmen sollen, verbindet sich in der Wahrnehmung mit dem vielfältigen Bemühen um eine gelingende Integration von Flüchtlingen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

Dies alles wird überlagert von der bundesweiten Diskussion, von menschenverachtenden Äußerungen in den Sozialen Netzwerken und Internetforen und jenen beschämenden Bildern etwa aus dem sächsischen Clausnitz, die für eine neue Dimension des Hasses und der Fremdenfeindlichkeit stehen. Aus diesem Anlass wenden wir uns heute mit diesem gemeinsamen Wort an Sie.

Ende 2015 waren in den Essener Flüchtlingsunterkünften 4.271 Menschen untergebracht. Bleibt der Zuzug von Flüchtlingen in diesem Jahr auf dem Niveau von 2015, werden der Stadt Essen weiterhin vom Land Nordrhein-Westfalen 533 Flüchtlinge pro Monat zugewiesen. Das sind 6.400 im Jahr. Den Ausgleich aus dem Jahr 2015 eingerechnet, werden dringend insgesamt 8.400 neue Unterkunftsplätze benötigt. Wenn es sie nicht gibt, droht Wohnungslosigkeit für Männer, Frauen und Kinder.

Aus vielen Stimmen spricht in diesen Tagen die Sorge um den sozialen Frieden in der Stadt. Das ist verständlich und wir nehmen diese Sorgen sehr ernst.

Mit vielen Verantwortlichen sehen wir, das Massenunterkünfte auf Dauer problematisch sind. Dennoch sind sie Orte, an denen erste Not gelindert und Hilfe geleistet wird. Wir treten weiter dafür ein, angemessene, kleinere Wohneinheiten zu finden und zu errichten.

Angesichts der Größe der Herausforderungen und des Zeitdrucks der anstehenden Entscheidungen wird es andererseits jedoch schwer werden, schnell eine Lösung zu finden, die allen gleichermaßen gerecht und von allen akzeptiert wird.

Eine Entscheidung über verschiedene Standorte ist nach langer, intensiver und kontroverser Diskussion von den Mitgliedern des Rates getroffen worden. Sie ist nun Grundlage dafür, wo Flüchtlinge untergebracht werden. Die Sorge um jeden Menschen, der in Not geraten ist, bleibt jedoch Aufgabe der ganzen Stadtgesellschaft und damit auch unserer Gemeinden und Einrichtungen. Gerechtigkeit ist nicht nur eine Frage von Standorten.

Insofern ist der Umgang mit Flüchtlingen eine Bewährungsprobe: Was trägt uns, wie kann der Alltag der verschiedenen Menschen in unserem städtischen Gemeinwesen gelingen? Trotz vieler Fragen und auch nachvollziehbarer Kritik, bei allen Sorgen und Einwänden müssen wir uns immer wieder daran erinnern, dass Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe zu jeder Zeit die wichtigsten Grundlagen für ein friedliches Zusammenleben sind.

„Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ Das Jesus-Wort aus dem Matthäusevangelium (Kapitel 25, Vers 35) erinnert uns daran, dass wir in der Bibel zahlreiche Zeugnisse finden, die die Erfahrungen von Verfolgung und Flucht aufgreifen. Die Gebote der Bibel fordern immer wieder dazu auf, die Fremden zu schützen und sie zu lieben wie sich selbst (3. Mose 19,32-34 und andere Stellen). Vor diesem Hintergrund sehen wir es als eine unserer grundlegenden Aufgaben an, für verfolgte und gefährdete Menschen einzutreten. Wir stellen uns an die Seite der Menschen, die in unserem Land Zuflucht suchen.

Die Erfahrungen aus der Flüchtlingsarbeit zeigen, dass sich dieser Einsatz nicht nur in positiver Weise auf die jeweilige Kirchengemeinde auswirkt, sondern auch für Frieden im ganzen Stadtteil sorgt. Jedes Bemühen, Flüchtlinge kennenzulernen und ihre Geschichte zu hören, hilft, Fremdheit und Ängste zu überwinden und führt zu einem Miteinander in Nächstenliebe. So werden Andere nicht mehr als Bedrohung der eigenen Existenz wahrgenommen, sondern als von Gott geschaffene und von ihm geliebte Mitmenschen.

Die Flüchtlinge, die hier in Essen ankommen, sind ein Teil des Alltags in unserer Stadt und sie brauchen uns. Nicht nur heute, sondern auch in den kommenden Jahren. Ihre Integration in Kindergarten und Schule, in der Ausbildung und im Arbeitsplatz und allen Bereichen des kulturellen Lebens ist eine große Herausforderung, die bewältigt werden muss. Ein gutes Zeichen: Die Hilfsbereitschaft, die Flüchtlingen hier in Essen entgegengebracht wird, ist enorm. Da ist so viel gabenorientiertes, großartiges Engagement – in Sprachkursen, bei der Versorgung mit Kleidung, bei der Gewährung von Obdach, in der Begleitung bei Behördengängen, bei gemeinsamen Freizeitaktivitäten. Allen, die ehrenamtlich oder beruflich, ob aus Kirche, Diakonie und Caritas vor Ort, aus Zivilgesellschaft, Staat oder Politik, helfen, Flüchtlinge zu begleiten und zu beteiligen, danken wir deshalb hiermit von ganzem Herzen!

Wir erleben dieser Tage auch, dass Menschen, die sich in der Flüchtlingsbegleitung ehrenamtlich engagieren und helfen, nicht selten an ihre Grenzen kommen. Das gilt zum einen für ihre eigenen, persönlichen Kräfte. Zusätzlich belastet wird ihre Hilfsbereitschaft aber mitunter auch dadurch, dass manche Freunde, Verwandte und Nachbarn auf das Engagement für Flüchtlinge mit Ablehnung und Unverständnis reagieren. Es ist wichtig, dass unsere Kirchengemeinden Räume für Unterstützung, gegenseitige Hilfe, Trost und Seelsorge bieten. Und wir ermutigen die Seelsorgerinnen und Seelsorger, sich der Menschen, die in ihrem ehrenamtlichen Engagement an Grenzen stoßen, besonders anzunehmen, Ihnen Zeit zum Zuhören und zur Ermutigung zu schenken.

Abschließend appellieren wir an alle unsere Gemeinden, Dienste und Einrichtungen, in ihrem Engagement nicht nachzulassen und sich zugleich entschieden allen rassistischen Ressentiments entgegenzustellen. Helfen Sie mit, dass Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit in unserer Stadt nicht gewinnen – sondern Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit uns mit allen verbinde, die nach Versöhnung und Frieden suchen! Dafür erbitten wir Gottes Segen.

Essen, 26. Februar 2016

Pfarrer Dr. Jürgen Cleve, Stadtdechant des katholischen Stadtdekanats Essen – Pfarrerin Marion Greve, Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises Essen – Pastor Lars Linder, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Essen (ACK) – Altfrid Norpoth, Vorsitzender des Katholikenrates in der Stadt Essen.

Quelle: Kirchenkreis Essen, Referat für Öffentlichkeitsarbeit | Pressestelle, www.kirche-essen.de

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